Etwa 2.500 langhaarige Kuttenträger kommen 1976 zur 1000-Jahrfeier in die Thüringische Kleinstadt Altenburg. Auf einen solchen Ansturm sind weder die Stadt noch die Ordnungshüter eingestellt. Die Jugendlichen lagern zu Hunderten in den Stadtparks, baden nackt im Schlossteich und schlafen öffentlich ihren Rausch aus. Tramper in Altenburg auf dem Markt. Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 5521, S. 14, Fo. 3
Der sogenannte Penner- oder Hirschbeutel gehört Anfang der 1980er Jahre in der Tramperszene zum unerlässlichen Outfit. Er wird aus dekorativen Wandschonern und Kissenbezügen hergestellt, die man bei Oma auf dem Sofa findet. Er weist malerische Naturmotive auf, gerne auch den röhrenden Hirsch. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/ RHG_Fo_HAB_11703
Visitenkarte von Manfred Rinke, der in der Tramperszene als „Kiste“ bekannt ist. Seine Wohnung in Dresden ist Anlaufstelle für Blueser aus der ganzen Republik. Manfred Rinke arbeitet aber auch als IM „Raffelt“ für die Stasi. Er berichtet jahrelang über alle Details aus der Szene. Quelle: BStU, MfS, Ast. Dresden, AIM 254/89, Teil I, Bd. 1
Die unter den Kunden sehr populäre Bluesband Uller aus Jena bei ihrer jährlichen Tour an die Ostsee, 1977. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ekkehard Reinsch / RHG_Fo_HAB_19549
Anfang der 1970er Jahre organisieren die Kunden ein Fußballturnier in Dresden. Als 5. v. l.: Manfred Rinke, der als IM „Raffelt“ jahrelang für die Stasi spitzelt. Quelle: Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv
Anfang der 1970er Jahre organisieren die Kunden ein Fußballturnier in Dresden. Als 1. v. l.: Manfred Rinke, der als IM „Raffelt“ jahrelang für die Stasi spitzelt. Quelle: Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv
Tonbandabschrift eines Berichts von Manfred Rinke, der die Stasi als IM „Raffelt“ jahrelang über alle Details der Tramperszene unterrichtet, 3. August 1973. Quelle: Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv Abschrift
Tonbandabschrift eines Berichts von Manfred Rinke, der die Stasi als IM „Raffelt“ jahrelang über alle Details der Tramperszene unterrichtet, 12. November 1975. Quelle: Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv, Seite 1 von 2 Abschrift
Tonbandabschrift eines Berichts von Manfred Rinke, der die Stasi als IM „Raffelt“ jahrelang über alle Details der Tramperszene unterrichtet, 12 November 1975. Quelle: Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv, Seite 2 von 2
Ein Kundenbuch (offiziell: „Der Kunde hat das Wort“) liegt in der DDR in jedem Geschäft und in jeder Gaststätte aus. Darin können Kunden Beschwerden und Kritik formulieren. Das abgebildete Buch haben „Kunden“ aus Jena zwischen April 1976 und Februar 1982 geführt. Darin tragen sie Aphorismen, Gedichte, Bilder oder Karikaturen ein, mit denen sie ihr Kunden-Dasein auf zumeist witzige Art und Weise zum Ausdruck bringen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Hans-Helmut Kurz / RHG_Fo_HAB_10500
Diese Kundenbuch-Seite zeigt den Eintrag von Doris Hardekopf und Klaus-Dieter Siegel vom 15. April 1976. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Hans-Helmut Kurz / RHG_Fo_HAB_10503
Diese Kundenbuch-Seite zeigt den Eintrag von Thomas Kretschmer und Bernd Markert vom 17. April 1976. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Hans-Helmut Kurz / RHG_Fo_HAB_10505
Aus der ganzen DDR trampen 1975 etwa 2.000 langhaarige Kuttenträger zum dritten Blues- und Rock-Open-Air in die kleine thüringische Gemeinde Wandersleben. Der Staatsmacht ist dieses Festival schon lange ein Dorn im Auge. Mit der fadenscheinigen Begründung, die anreisenden Tramper würden den Transitverkehr auf der nahe gelegenen Autobahn A 4 gefährden, wird das Bluesfestival verboten. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Hans-Helmut Kurz / RHG_Fo_HAB_10704
Etwa 2.500 langhaarige Kuttenträger kommen 1976 zur 1000-Jahrfeier in die Thüringische Kleinstadt Altenburg. Auf einen solchen Ansturm sind weder die Stadt noch die Ordnungshüter eingestellt. Die Jugendlichen lagern zu Hunderten in den Stadtparks, baden nackt im Schlossteich und schlafen öffentlich ihren Rausch aus. Tramper in Altenburg auf dem Markt. Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 5521, S. 14, Fo. 3
Der sogenannte Penner- oder Hirschbeutel gehört Anfang der 1980er Jahre in der Tramperszene zum unerlässlichen Outfit. Er wird aus dekorativen Wandschonern und Kissenbezügen hergestellt, die man bei Oma auf dem Sofa findet. Er weist malerische Naturmotive auf, gerne auch den röhrenden Hirsch. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/ RHG_Fo_HAB_11703
Fotodokumentation des MfS über Tramper beim Tanzmusikfest in Plauen Mitte der 1970er Jahre. Quelle: BStU, MfS, ZA Z 2411, S.24
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Auch in der DDR gibt es eine Aussteigerszene: Sie nennen sich Blueser, Tramper oder Kunden. Zu ihrem Outfit gehören lange Haare, üppige Bärte, Bluejeans, Parka und Jesuslatschen. Ihre Idole sind die Größen der westlichen Blues- und Rockszene: Jimi Hendrix, The Doors oder Bob Dylan. An den Wochenenden stehen sie an den Straßen, halten den Daumen in den Wind und reisen den angesagten Bands hinterher. Die Schüler, Lehrlinge, Facharbeiter und Studenten versammeln sich allwöchentlich zu Konzerten in den Dorfsälen der Provinz. Ihr Ziel: ehrliche, elektrisierende, handgemachte Blues- und Rockmusik. Bands wie Engerling, Freygang, Monokel oder Jürgen Kehrt sind die Lieblinge der Szene. Die Texte sind deftig und ungeschminkt.
Wir wollen frei sein!
Die Hippies der DDR sind überall dort, wo was los ist: auf Volksfesten, Jahrmärkten und den alljährlichen Pressefesten der verschiedenen SED-Zeitungen. Im Sommer bevölkern sie die Schwarzbierkneipen in Prag ebenso wie die Strände des Balatons oder die Küste des Schwarzen Meers. Legendär sind das Bluesfestival in Wandersleben, der Zwiebelmarkt in Weimar und der Fasching in Wasungen.
Die jungen Leute wollen ihrem Alltag entfliehen, fern sein von der Bevormundung der Eltern, Lehrmeister oder Parteisekretäre. Einig sind sie sich in der Ablehnung der Enge und Spießigkeit des DDR-Alltags. Ihr unangepasstes Äußeres tragen sie selbstbewusst und provokativ zur Schau. Damit stoßen sie nicht nur bei den Staatsorganen auf Ablehnung. Auch viele Bürger fühlen sich durch die langen Haare, die Trinkgelage und die abgerissene Kleidung abgestoßen.
Für die Staatssicherheit sind diese „Gammler“ einfach nur vorsätzliche Feinde der DDR. Und so kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen den jungen Leuten und der Volkspolizei beziehungsweise Staatssicherheit.
Der Zusammenprall mit Vopo und Stasi ist vorprogrammiert. Als einige Jugendliche die Polizisten als „Bullen“ beschimpfen und Parolen wie „Wir wollen frei sein!“ oder „Wir machen, was wir wollen!“ rufen, eskaliert die Situation. Am Ende werden 103 Jugendliche verhaftet; sechs von ihnen landen mehrere Monate hinter Gittern. Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 5521, S. 17, Fo. 2
1000-Jahrfeier der Stadt Altenburg 1976. Ein Tramper hat den Mast der Hochseilartisten Gebrüder Weißheit erklommen. Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 5521, S. 15, F. 4
Der Zusammenprall mit Vopo und Stasi ist vorprogrammiert. Als einige Jugendliche die Polizisten als „Bullen“ beschimpfen und Parolen wie „Wir wollen frei sein!“ oder „Wir machen, was wir wollen!“ rufen, eskaliert die Situation. Am Ende werden 103 Jugendliche verhaftet; sechs von ihnen landen mehrere Monate hinter Gittern. Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 5521, S. 17, Fo. 2
1000-Jahrfeier der Stadt Altenburg 1976. Ein Tramper hat den Mast der Hochseilartisten Gebrüder Weißheit erklommen. Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 5521, S. 15, F. 4
1000-Jahrfeier der Stadt Altenburg 1976. Zu hunderten lagern die Tramper in Grünanlagen der Stadt. Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 5521, S. 16, Fo. 3
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Die heftigsten Zusammenstöße zwischen den jugendlichen Trampern und der Staatsmacht ereignen sich bei den Feierlichkeiten zur Tausend-Jahr-Feier der Stadt Altenburg im Juli 1976. Etwa 2.500 langhaarige Kuttenträger kommen zum Stadtjubiläum in die Thüringische Kleinstadt.
Auf einen solchen Ansturm sind weder die Stadt noch die Ordnungshüter eingestellt. Die Jugendlichen lagern zu Hunderten in den Stadtparks, baden nackt im Schlossteich und schlafen öffentlich ihren Rausch aus. Der Zusammenprall mit Vopo und Stasi ist vorprogrammiert.
Als einige Jugendliche die Polizisten als „Bullen“ beschimpfen und Parolen wie „Wir wollen frei sein!“ oder „Wir machen, was wir wollen!“ rufen, eskaliert die Situation. Am Ende werden 103 Jugendliche verhaftet; sechs von ihnen landen mehrere Monate hinter Gittern.
Zitierempfehlung: „Hippies in der DDR“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Dezember 2019, www.jugendopposition.de/145450
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Wir waren auf dem Weg nach Berlin Mitte, mit der S-Bahn von Grünheide. In der S-Bahn waren schon irgendwelche Gestalten. Da sind wir am Alexanderplatz aus der S-Bahn rausgesprungen, in den Schutz der Arbeiterklasse. Die haben sich ganz schnell verdrückt, als die Stasi hinter uns her war. Dann haben die uns auf dem Alexanderplatz, auf dem Weihnachtsmarkt, hops genommen. Ab zu einer Befragung natürlich, das dauert nicht lange. Dann haben sie uns in die Magdalenenstraße gefahren, und dann sind wir verschwunden.
Es hieß, 24 Stunden können sie dich behalten, dann müssen sie dich wieder freilassen. Alles Irrwitz, wie ich inzwischen weiß. Die machten, was sie wollten. Es gab keine Regeln und keine Beschwerdestelle oder irgendetwas. Als ich nach einem Anwalt verlangte, hat der Stasi[-Mitarbeiter] zu mir gesagt, worüber ich mich ein bisschen gewundert habe: ´Wir leben hier doch nicht in einer bürgerlichen Demokratie`. Ich dachte: `Sie kaschieren es vielleicht ein bisschen. Nee, das war ganz klare Sache. Das kannst du vergessen mit deinem Anwalt`.
Dann wurden wir die ganze Nacht befragt und haben dort geschlafen, notdürftig in so einem Vernehmerzimmer. Am nächsten Tag, da kamen dann die Stiefel. Es herrschte ein ganz anderer Ton – und zack, rüber gefahren in dieses Hohenschönhausener Gefängnis. Von da an war man eben ein Beschuldigter. Verdacht auf Asozialität, hieß das.
Frage: Weil sie nicht mehr berufstätig waren?
So ungefähr, ja. Man nimmt jemandem die Erlaubnis zu arbeiten weg und sagt: ´Du bist ja asozial`. Ich hatte verschiedene Anträge gestellt, um meinen Ausweis wieder zu kriegen. Ich arbeitete mit der Band zusammen, das ging alles nicht so einfach. Da habe ich natürlich Haftbeschwerde eingelegt. Aber man kam gar nicht dazu, mit diesem Haftrichter zu reden. Da wurde einfach abschlägig beschieden, und der Stasi sagte zu mir: ´Sie wollten es ja nicht anders. Wir erweitern das Verfahren auf staatsfeindliche Hetze`. Da war es gelaufen. Da wusste ich: So schnell kommst du hier nicht wieder raus. Ich bin nicht wieder nach Hause gekommen. Ich war bei Robert Havemann in Grünheide, bin verhaftet worden und nach einem dreiviertel Jahr in West-Berlin gelandet.
Christian Kunert, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de