Über 500.000 Jugendliche aus beiden deutschen Staaten kommen Pfingsten 1964 zum III. Deutschlandtreffen der FDJ nach Ost-Berlin. Im Bild die sogenannte Kampfdemonstration, bei der die Teilnehmer an der Ehrentribühne vorbeimarschieren. Quelle: Bundesarchiv/183-C0517-0010-050/Ulrich Kohls
Beatmusik als „Nervengift des Klassenfeindes“: Nach einem Konzert der Rolling Stones am 15. September 1965 zerlegen aufgebrachte Teenager die Westberliner Waldbühne zu Kleinholz und randalieren anschließend in der S-Bahn. Die DDR-Medien, allen voran das SED-Zentralorgan Neues Deutschland, entfachen daraufhin eine gigantische Propagandaschlacht gegen die Beatfans im eigenen Land. In den Augen der SED-Führung muss die DDR-Jugend vor dem Beat geschützt werden. Im Bild: ein Artikel der Bild-Zeitung, der im Neuen Deutschland veröffentlicht wird. Quelle: Neues Deutschland. 17. September 1965, S. 4 Abschrift
Zu den beliebten DDR-Beatgruppen in den 1960er Jahren gehört die Band Diana-Schau-Quartett. Sie ist bekannt für ihre action geladene Show und den harten Rhythm 'n' Blues. Sie spielt Titel der Rolling Stones, der Animals und der Kinks. Im Bild: Frontmann Achim Mentzel, 1965. Quelle: Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965
Kamm drüber: Im Oktober 1965 veröffentlicht die DDR-Satirezeitschrift Eulenspiegel eine Persiflage auf Beatfans und Beatgruppen. Das Titelbild zeigt den Bassisten der Beatgruppe Diana-Show, Jörg Schütze. Quelle: Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965
Besonders aufs Korn nimmt der Eulenspiegel eine Gruppe von jugendlichen Beatfans, die sich regelmäßig im Verbindungstunnel des Ostberliner Bahnhofs Lichtenberg treffen und durch ihr extremes Outfit sowie laute Musik aus Kofferradios für Empörung sorgen. Die meisten von ihnen sind Lehrlinge und kommen aus der 20 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Kleinstadt Werneuchen. Freunde aus Berlin gesellen sich zu ihnen in den Tunnel, um Musik zu hören und die Zeit bis zum nächsten Beatkonzert zu überbrücken. Quelle: Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965
Die Gang vom Lichtenberger Tunnel: Zu ihren Markenzeichen gehören lange Haare und extravagante Kleidung, durch die sie sich von der Alltagskluft der Mitläufer abheben wollen. Quelle: Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965
Kurzer Prozess: Weil er sich an einer Protestresolution gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt Truppen in die Tschechoslowakei beteiligt, schneidet die Stasi einem Jugendlichen aus Lübbenau 1968 gewaltsam die langen Haare ab. Quelle: Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv Abschrift
„Das Auftreten dieser Kapelle steht im Widerspruch zu unseren moralischen und ethnischen Prinzipien“, lautet die Begründung zum Verbot der Butlers Ende Oktober 1965. Im Bild: die Butlers 1965. Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig/Werner Schmidt
Fast alle Leipziger Beatgruppen werden abgeschafft: Mithilfe eines Kinderstempelkastens fertigen drei Leipziger Schüler dieses Flugblatt an, mit dem sie zu einer Demonstration gegen die Verbote aufrufen. Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AOG 129/69
Mit diesem Kinderstempelkasten aus dem Spielwarengeschäft fertigen die Jugendlichen Flugblätter gegen das Verbot der Butlers an. Nach ihrer Festnahme beschlagnahmt die Staatssicherheit den Stempelkasten und verwendet ihn als Beweismittel. Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, 252/66
Schwerwiegendes Beweismittel: Einer der Jugendlichen verewigt seine Helden auf seiner Federtasche, die bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmt wird. Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, 252/66
Massives Polizeiaufgebot gegen friedlich demonstrierende Beatfans: Am Vormittag des 31. Oktober 1965 versammeln sich etwa 2.500 Personen in der Leipziger Innenstadt, unter ihnen circa 500 bis 800 Beatfans. Der Rest sind FDJ-Funktionäre, Genossen und Sicherheitskräfte in Zivil. Sie setzen Hunde und Wasserwerfer auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz ein. Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig/Leopold Kullrich
Am Ende der Beatdemo werden 267 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren abgeführt. 97 von ihnen werden zur Zwangsarbeit in die Tagebaue von Kitscher und Regis-Breitingen zur sogenannten Umerziehung gesteckt – ohne Gerichtsurteil und bis zu sechs Wochen. Im Bild: Einsatz von Wasserwerfern auf der Beatdemo am 31. Oktober 1965. Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig/Leopold Kullrich
Plädoyer für die inhaftierten Beatfans: Nach der gewaltsamen Auflösung der Demonstration am 31. Oktober 1965 verfasst ein Leipziger Schüler ein weiteres Flugblatt, welches er allerdings nicht mehr verteilt. Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU 252/66, Seite 1 von 2
Als Gegenstück zur Beatmusik initiert die FDJ in der ersten Hälfte der 1960er Jahre eine Jugend-Massenbewegung. Sie will die aus den USA kommenden Protest- und Folksongs politisch instrumentalisieren und eigene Lieder mit propagandistischen Texten popularisieren. Zahlreiche Singegruppen bilden sich, so 1966 auch der Hootenanny-Klub, der 1967 in Oktoberklub umbenannt wird. Im Bild der Oktoberklub und der Herderclub beim gemeinsamen Vortrag unter dem Motto "Sag mir wo du stehst", 27. Juli 1968. Quelle: Bundesarchiv/183-G0727-0009-001/Rainer Mittelstädt
Zwischen 1970 und 1990 findet alljährlich im Februar das Festival des politischen Liedes in Ost-Berlin statt. Das Festival, vom Oktoberklub begründet, ist eine der größten Musikveranstaltungen in der DDR. Im Bild Hartmut König vom Oktoberklub beim Festival des politischen Liedes im Februar 1970. Quelle: Bundesarchiv/183-J0215-0017-001/Vera Katscherowski
Der Oktoberklub während einer Festveranstaltung im Friedrichstadtpalast zum 25. Jahrestag der FDJ-Gründung, 12. März 1971. Quelle: Bundesarchiv/183-K0315-0204-002/Horst Sturm
In Frankfurt (Oder) schneidet die FDJ-Ordnungsgruppe Jugendlichen gewaltsam die langen Haare ab. Dagegen regt sich jedoch Widerstand. Eingabe gegen das Vorgehend der FDJ-Ordnungsgruppe vom 10. Oktober 1967. Quelle: BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AOP 2/69
„Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache sie bleibt taktvoll“, so der SED-Chef Walter Ulbricht auf dem 6. Parteitag der SED 1963. Dieser Kalauer kennzeichnet einen Umbruch in der Jugendpolitik. Der Twist, Modetanz der Saison, darf jetzt auch in den Jugendklubs der FDJ getanzt werden. Im darauffolgenden Jahr erliegt die ganze Welt dem Beatles-Fieber, und sogar in der DDR erscheinen eine LP und zwei Singles von den Pilzköpfen.
Die Jugendzeitschrift Neues Leben schreibt, die vier Arbeiterjungen aus Liverpool protestieren mit ihrer Musik gegen den Kapitalismus – und damit passen die Beatles in die ideologische Welt der Funktionäre. Die Rolling Stones erspielen sich allerdings keine Sympathien in den Funktionärsetagen und der Erwachsenenwelt. Für Jugendliche ist die rebellisch auftretende Band genau das Richtige, obwohl ihre Platten so unerreichbar sind.
Musikalische Revolution: Von der Arbeiterliedkultur zum Beat
Das Deutschlandtreffen der FDJ bringt eine Wende in der Jugendpolitik: Zu Pfingsten 1964 wird in Berlin nicht nur die Partei bejubelt und gegen den Imperialismus demonstriert – es darf auch getanzt, gelacht und geliebt werden. Den Sound dazu liefert das Jugendradio DT 64. Rund um die Uhr spielt das Sonderstudio Beatmusik. Musik, die damals selbst von manchen westlichen Sendern ungern über den Äther geschickt wird.
Dazu gibt es unzensierte Live-Interviews, flotte Sprüche und gut gemachte Reportagen. In den Redaktionsstuben der Rundfunkanstalten Sender Freies Berlin (SFB) und RIAS in West-Berlin staunt man nicht schlecht über die neue Konkurrenz aus der Ostberliner Nalepastraße, dem Sitz des DDR-Rundfunks. Man denkt über ähnliche Sendungen nach.
In den Jugendklubhäusern der FDJ, die bisher die Arbeiterliedkultur und den Volkstanz pflegten, gründen junge Leute Bands mit Elektrogitarren und Schlagzeug und eifern ihren angelsächsischen Idolen nach. In Leipzig und Umgebung machen The Butlers und andere Gruppen die Tanzschuppen unsicher. In Berlin wird die Reihe „Jazz und Lyrik“ auf die Beine gestellt, und sogar Wolf Biermann darf noch öffentlich auftreten.
Beatverbot: Band heißt jetzt Combo
Doch die neue Freiheit der Jugendlichen ist im Oktober 1965 vorbei. Walter Ulbricht steht in der Kritik der Hardliner im Politbüro. Die suchen einen Vorwand, um die Wirtschaftsreformen zu stoppen, und finden ihn in der Jugendpolitik. Am 11. Oktober 1965 fasst das Politbüro einen Beschluss „Zu einigen Fragen der Jugendarbeit und dem Auftreten der Rowdygruppen“. Schlagartig wird die Beatmusik in den Medien verboten und den Beatgruppen in der DDR die Lizenz entzogen. Für die Jugendlichen ein schmerzhafter Rückschritt. Englische Namen für Bands werden untersagt, fortan müssen sich alle „Combos“ nennen. Die Veranstaltungen in den FDJ-Klubs werden wieder auf ihre ideologische Sattelfestigkeit überprüft.
Leipzig ist das Zentrum der Beatbewegung. Dementsprechend hart greift die Partei in dieser Stadt durch: Die Butlers und vier weitere Gruppen erhalten ein unbefristetes Auftrittsverbot.
Beatdemo in Leipzig
In Leipzig tauchen Flugblätter auf, die zum Protestmarsch gegen das Beatverbot aufrufen. Die Leitungen aller Schulen und Berufsschulen warnen ihre Schüler ausdrücklich davor, sich an diesem Tag in der Gegend des Wilhelm-Leuschner-Platzes sehen zu lassen. Doch erst dadurch wird der Termin allgemein bekannt. Schon damals gibt es das Gerücht, der Auflauf der Beatfans sei von einigen Scharfmachern in der Partei provoziert, um Walter Ulbrichts Reformpolitik zu torpedieren.
Am 31. Oktober 1965 versammeln sich einige Tausend Leute im Zentrum von Leipzig – die meisten von ihnen Schüler und Lehrlinge. Die Volkspolizei geht mit Hunden, Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen die Jugendlichen vor. 279 Personen werden festgenommen, 144 von ihnen strafrechtlich verfolgt. Viele müssen einige Wochen im Braunkohletagebau schuften.
„Die Amateur-Gammler“: Die DDR-Medien ziehen gegen die Beatfans zu Felde. Langhaarige werden als Staatsfeinde und Kriminelle abgestempelt. Quelle: Neues Deutschland, 17. Oktober 1965, S. 12 Abschrift
Die Spießer regen sich auf: Leserbriefe zum Artikel „Die Amateur-Gammler“ im Neuen Deutschland vom 17. Oktober 1965. Quelle: Neues Deutschland, 22. Oktober 1965, S. 4 Abschrift
Die Spießer regen sich auf: Leserbriefe zum Artikel „Die Amateur-Gammler“ im Neuen Deutschland. Quelle: Neues Deutschland, 22. Oktober 1965, S. 4 Abschrift
Willkommen in der Vergangenheit: In der Presse beginnt eine Kampagne gegen Langhaarige, Beatfans, Gammler, junge Christen und politisch Andersdenkende. Das 11. Plenum des ZK beendet 1965 jegliche Hoffnung auf eine liberale Kultur- und Jugendpolitik. Walter Ulbricht greift eine Zeile der Beatles auf und fragt: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“ Nun gibt die Partei also wieder den Takt an.
Zitierempfehlung: „Langhaarige, Beatfans und Gammler“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Dezember 2019, www.jugendopposition.de/145367
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Oktoberklubmitglied Wolfgang Gregor: „Wir stehen also voll hier, aber wir wollen auch zeigen, was eventuell nicht gut ist. Wir wollen kritisch sein, und wir wollen verändern, ja? Mitarbeiten …“
Oktoberklubmitglied Jörn Fechner: „… produktiv …“
Oktoberklubmitglied Wolfgang Gregor: “… produktiv, produktiv nach vorne raus.“
Lied „Sag mir, wo du stehst!“:
Sag mir, wo du stehst! Sag mir, wo du stehst! Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst! Zurück oder vorwärts, du musst dich entschließen! Wir bringen die Zeit nach vorn Stück um Stück. Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen, denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück! Sag mir, wo du stehst …
Oktoberklubmitglied Hartmut König: „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist beispielsweise, das gute politische Lied zu schaffen und zu singen. Bleibt die Frage: Was ist denn nun ein gutes politisches Lied. Also, abgesehen davon, dass es ganz, ganz verschiedene Formen annehmen kann, wie beispielsweise Ballade usw. – uninteressant. Wichtig ist aber, glaube ich, dass sich der Autor und auch der Sänger mit den Problemen seinesgleichen, seines Publikums genauestens beschäftigt hat. Mensch, im Grunde hat er sie selber, nicht? Ich meine, ich bin doch einer von denen, die dort sitzen, ich habe die gleichen Probleme oder zum großen Teil gleiche Probleme. Ich habe mich mit denen vorher unterhalten. Ich weiß, was sie anspricht. Ich weiß, was Argumente sind, die bei ihnen ankommen, ja? Was überzeugt bei ihnen. Und ich glaube, das muss in unseren Liedern sein. Was nützt es, wenn man in Jugendliedern wie in der Schlagerproduktion mal Phrase an Phrase reiht oder dreimal geschluckte Wahrheiten aneinanderreiht, nicht? Das hat absolut gar keinen Sinn. Ich meine, man muss das schon so sagen, dass die jungen Leute das erstens interessiert und dass es zweitens für sie glaubhaft ist, ja? Dass man in ihrer Sprache spricht und nicht schlechter.“
Quelle: Lieder machen Leute, 1968, PROGRESS Film-Verleih GmbH, Berlin