Johanna Kalex im Sommer 1982 im Freundeskreis von Thomas Kantschew (hier sein 18.Geburtstag) an den Moritzburger Teichen, wo auch schon die Brücke-Künstler mit ihrem Nackbaden um 1905 ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit genossen. Quelle: Privatarchiv/Thomas Kantschew
Sommer 1982, Prager Straße in Dresden: Johanna Kalex mit Freundinnen. Die jungen Frauen treffen sich regelmäßig am Brunnen im Zentrum der Stadt und verbringen ein paar unbeschwerte Stunden miteinander. Quelle: Privatarchiv/Thomas Kantschew
Für die Gründungsveranstaltung von "amnesty international in der DDR" in der Golgathakirche ist die Wahl eines Vorstandes und die Abstimmung über den Satzungsentwurf geplant. Die Vereinigung will die volle Verwirklichung der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" auf dem Territorium der DDR fördern und strebt die Aufnahme als vollwertige Sektion in die Weltorganisation "amnesty international" an. Im Präsidium Hendryk Mewes, Johanna Kalex, Stefan Schneider, Olaf Piotrowski, Juliane Atzenburg und Martin Hoffmann (v.l.). Quelle: Bundesarchiv/183-1990-0331-012/Peer Grimm
Johanna Kalex, 11. November 2004. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Gunnar Uhlenhut/RHG_Fo_HAB_20334
Dresden, Winter 1982. Angeregt durch ein Vorbild aus Polen, ruft Johanna Kalex mit 17 Jahren zu einer Friedensdemonstration an der Ruine der Dresdner Frauenkirche auf. Sie entwirft ein Flugblatt, auf dem steht, man möge sich am 13. Februar 1982 an der Frauenkirche versammeln und ein Kreuz aus Kerzen aufstellen. Uhrzeit: zehn Minuten vor 22 Uhr, dem Beginn der Bombenangriffe von 1945. Pikant: Am selben Tag gibt es bereits eine hoch offizielle staatliche Kundgebung. Johanna Kalex ruft die Gegenveranstaltung nicht nur zum Gedenken an die Bombardierung Dresdens ins Leben, sondern auch aus Protest gegen die Aufrüstung. Sie und eine Freundin lassen heimlich mehrere Tausend Exemplare des Aufrufs in der Druckerei der Sächsischen Zeitung herstellen und verteilen die Flugblätter in Dresden.
Das alles bleibt der Staatssicherheit nicht verborgen. Johanna Kalex wird noch vor der geplanten Demonstration festgenommen und unter massivem Druck verhört. Man droht der nun 18-Jährigen mit elf Jahren Haft. Hilfe bekommt sie vom Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider und vom SuperintendentenChristoph Ziemer, die sich schützend vor sie stellen und mit Stasi und SED verhandeln. Ihr würde nichts passieren, sagt man ihr, wenn es am 13. Februar 1982 zu keiner Konfrontation zwischen Demonstranten und Polizei käme.
An diesem Tag organisiert die Kirchenleitung in der Dresdner Kreuzkirche ein Friedensforum, um so die Leute von der Frauenkirche fernzuhalten und den offenen Konflikt mit der Staatsmacht zu verhindern. Johanna Kalex und ihre Freunde werden in dessen Gestaltung einbezogen, dürfen aber nichts Wesentliches mitbestimmen. Trotz der Gegenmaßnahmen der Kirche folgen rund 8.000 Menschen aus der ganzen DDR dem Aufruf von Johanna Kalex, pilgern zur Frauenkirche und schmücken die Ruine mit Blumen und Kerzen. Selbst die Westmedien sind da und berichten von diesem ersten großen und öffentlichen Treffen der Friedensbewegung in der DDR.
Johanna Kalex selbst kann nur die Berichte im Deutschlandfunk hören, denn Freunde fahren sie zu ihrem Schutz direkt von der Kreuzkirche nach Hause zu ihren Eltern. Mit einer derartigen Resonanz ihres Aufrufs hat sie nicht gerechnet; selbst 200 Demonstranten wären ihr schon viel vorgekommen.
Auch danach bleibt die Gruppe um Johanna Kalex eine der aktivsten in der DDR-Opposition. Sie organisiert eigenständig Friedenswerkstätten und vertritt radikale pazifistische Positionen, die sich kaum mit der gemäßigten kirchlichen Friedensarbeit vertragen. Die Aktivisten werfen den Kirchenleuten zu große Kompromissbereitschaft gegenüber dem SED-Regime vor.
Nachdem Bischof Johannes Hempel die Aktivisten im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen um die Linie der Kirche als „Schafe im Wolfspelz“ bezeichnet hat, nennt sich die Gruppe fortan Wolfspelz. Wolfspelz hält Kontakte zu anderen Oppositionsgruppen in der DDR, aber auch in Polen und der CSSR (Charta 77).
Biografische Angaben zu Johanna Kalex finden sie im Personenlexikon.
Zitierempfehlung: „Johanna Kalex“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Dezember 2019, www.jugendopposition.de/145513
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Die Staatssicherheit hat ab und zu Leute vernommen, auch mich ab und an. Irgendwann mich nicht mehr, sondern Leute, die ganz frisch in die Gruppe dazugekommen sind. Könnte unter Umständen bedeuten, dass sie dachten, sie hätten keine Chance, aus mir was rauszukriegen. Da haben sie sich eben Anfänger rausgepickt. Ich weiß inzwischen, dass unsere Wohnung abgehört wurde. Das haben wir aus den Akten entnommen. Und dass sie uns teilweise minutiös überwacht haben. Was schon ganz witzig ist, weil die in die Akten geschrieben haben, dass wir Bretter gekauft haben, um ein Hochbett zu bauen oder so ein Zeug.
Wenn wir Aktionen geplant haben, wo wir genau wussten, dass sie richtig, richtig verboten sind, haben wir nicht in der Wohnung darüber gesprochen. Und nur mit Leuten, wo wir uns ganz sicher waren, dass das keine Spitzel sind. Es gab auch, wie ich aus meinen Akten hinterher entnehmen konnte, nie einen Fall, wo so was mal schief gegangen wäre. Das Gefühl: Der ist sauber, das stimmte offensichtlich immer. Roman, mein Ex-Mann und Vater meiner Kinder, Roman und ich hatten die Abmachung, dass bei wirklich verbotenen Aktionen immer nur einer von uns mitmacht. Damit, wenn es doch schief geht und einer in den Knast muss, einer bei den Kindern bleiben kann. Und wir hatten ausgemacht, wenn die Knastzeit länger als zwei Jahre ist, dass wir einen Ausreiseantrag stellen. Zwei Jahre, haben wir gedacht, trauen wir uns zu, zu sitzen. Länger, haben wir gedacht: nee. Dann halt doch in den Westen, was wir ja eigentlich nie wollten.
Johanna Kalex, Zeitzeugin auf www.jugendopposition.de