Ehrenbürgerschaft für ihren Widerstand: Die Mitglieder des Eisenberger Kreises, die Bürger Eisenbergs waren, erhalten vom Bürgermeister die Ehrenmedaille Eisenbergs. V.l.n.r.: Joachim Marckstadt, Ludwig Götz, Peter Herrmann, Rudolf Rabold, Johann Frömel, der Bürgermeister, Thomas Ammer, Roland Peter, Wilhelm Ziehr, Günter Schwarz. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20002
"Unter dem direkten Eindruck des Nationalsozialismus sollte uns keiner nachsagen können, dass wir uns nicht wehren. " Porträt des Schülers Thomas Ammer von 1953. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_19978
Die Abiturklasse an der Eisenberger Oberschule 1955: Thomas Ammer (vorne links), dahinter Joachim Marckstadt. In der Bildmitte die Klassenlehrerin Irene Geier (LDP-Mitglied), die im Zuge der Kampagne gegen die Junge Gemeinde als Direktorin der Schule abgesetzt wird. Sie erzieht ihre Schüler in einem kritischen Geist gegenüber der SED. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_19970
Die Zeit von seiner Verhaftung bis zur Urteilsverkündung verbringt Thomas Ammer im Untersuchungsgefängnis Gera. Das Bild, das die ehemalige MfS-Untersuchungshaftanstalt in Gera zeigt, entsteht in den 1990er Jahren. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Thomas Ammer/RHG_Fo_HAB_19996
Nach der Urteilsverkündung werden Thomas Ammer und die anderen Verurteilten des Eisenberger Kreises zunächst in die berüchtigte Haftanstalt Waldheim gebracht. Dort trennen sich die Wege der Freunde. Von November 1958 bis August 1964 sitzt Thomas Ammer in der Strafvollzugsanstalt Brandenburg-Görden. Nach über sechs Jahren Haft wird er am 14. August 1964 in die Bundesrepublik entlassen. Thomas Ammer ist einer der ersten von der Bundesrepublik freigekauften politischen Häftlingen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Thomas Ammer/RHG_Fo_HAB_19997
August 1964: Thomas Ammer mit seiner Mutter Elisabeth in Österreich. Das Bild entsteht kurz nach seinem Freikauf aus der Haft. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_19980
Auf den Spuren der Vergangenheit: Thomas Ammer in Eisenberg (1992). Im Hintergrund sieht man sein ehemaliges Zuhause. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20009
Die Oberschule in Eisenberg: Hier gingen Thomas Ammer und weitere Mitglieder des Eisenberger Kreises zur Schule. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/ Thomas Ammer/RHG_Fo_HAB_20007
Ehrenbürgerschaft für ihren Widerstand: Die Mitglieder des Eisenberger Kreises, die Bürger Eisenbergs waren, erhalten vom Bürgermeister die Ehrenmedaille Eisenbergs. V.l.n.r.: Joachim Marckstadt, Ludwig Götz, Peter Herrmann, Rudolf Rabold, Johann Frömel, der Bürgermeister, Thomas Ammer, Roland Peter, Wilhelm Ziehr, Günter Schwarz. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20002
Thomas Ammer (links) mit seinem Bruder Stefan und seiner Mutter Elisabeth 1950. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_19983
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Eisenberg, Sommer 1953. Thomas Ammer und einige seiner Mitschüler denken intensiv über die Bildung einer Widerstandsgruppe nach. Das hat vor allem zwei Gründe: Die Oberschüler sind empört, dass Mitglieder der Jungen Gemeinde (JG) verfolgt werden, und sie stehen unter dem Eindruck des niedergeschlagenen Aufstands am 17. Juni 1953. Der neuerliche Wahlschwindel der SED im Oktober 1954 veranlasst die Schülergruppe schließlich, den langen Diskussionen Taten folgen zu lassen. Sie stellt ein handgeschriebenes Plakat her. Darauf steht:
„Deutscher! Was hat die bisherige bolschewistische Herrschaft gebracht? Entziehung der freien Meinungsäußerung, der Versammlungs- und Pressefreiheit, des Streikrechts. Immer noch kriegsmäßiges Kartensystem, HO-Wucherpreise und rücksichtslose Ausbeutung. Willst du das alles noch länger mit ansehen? Deshalb stimme mit deinen verlässlichen Arbeitskameraden gegen die sog. Nationale Front!“
Im Schutze der Dunkelheit kleben die Schüler einige Exemplare dieses Aufrufs an Hausmauern in der Stadt.
Einige Wochen später klettern sie nachts in das Heimatmuseum, um aus dem Ersten Weltkrieg stammende Waffen zu entwenden. Allerdings finden sie keine brauchbaren Stücke und lassen lediglich zwei Vorderlader aus dem frühen 19. Jahrhundert mitgehen. Zusätzlich gelangen sie in den Besitz einer alten Pistole aus dem Bestand von Joachim Marckstadts Vater, der als Förster tätig war. Sie wird gut versteckt und niemals verwendet. Diese Aktionen zeigen die fließende Grenze zwischen Abenteuerromantik und politischer Aktion.
Die Gruppe, die später der Eisenberger Kreis genannt wird, konzentriert sich bis 1955 auf Flugblattaktionen und Parolen an Häuserwänden. Meist ziehen die Jugendlichen in Zweiergruppen los. Thomas Ammer malt mithilfe einer vorgefertigten Pappschablone fünfzackige rote Sterne auf Hausmauern. Sie sind im Durchmesser etwa zehn Zentimeter groß und mit Fahrradlack an die Wand gepinselt. Sein Begleiter streicht das Sowjetsymbol mit schwarzer Farbe durch.
Am 21. Januar 1956 gegen 23 Uhr treffen sich Thomas Ammer, Peter Herrmann, Günter Schwarz, Reinhard Spalke und Wilhelm Ziehr an einem Eisenbahnübergang in der Nähe der Stadt. Das Ziel des nächtlichen Ausflugs ist ein Schießstand der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), der Volkspolizei und der SED-Kampfgruppen. Thomas Ammer bringt Holzwolle, trockenes Holz und eine Flasche Brennspiritus mit, Reinhard Spalke eine Flasche Petroleum und Peter Herrmann drei Flaschen Benzin aus dem Autotank seines Vaters.
Peter Herrmann, Thomas Ammer und Wilhelm Ziehr beziehen Posten, Reinhard Spalke und Günter Schwarz stapeln die im Schießstand stehenden hölzernen Tische übereinander, verteilen Holzwolle und Brennholz und übergießen den ganzen Stapel mit brennbaren Flüssigkeiten. Dann legen sie Feuer und machen sich getrennt auf den Heimweg. Die verbrannten Reste des Schießstands am Rande der städtischen Sportanlagen sind noch lange zu sehen. Damit haben die Schüler ein Zeichen gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft gesetzt.
Mit dem Abschluss der Schule und dem Studienbeginn in Jena verlagert sich Thomas Ammers Tätigkeit in die thüringische Universitätsstadt. Die letzte größere Aktion der Gruppe bereiten Thomas Ammer und Peter Herrmann im September 1957 vor. Sie planen einen Aufruf an die mitteldeutschen Hochschullehrer. Sie schreiben einen Text, kaufen in kleinen Mengen Schreibpapier und Briefumschläge und besorgen sich ein Vervielfältigungsgerät.
Im Oktober 1957 stellen sie in zwei Nächten ungefähr 400 Exemplare des Aufrufs her. Da trotz vielfältiger Vorsichtsmaßnamen doch Fingerabdrücke auf die Flugblätter geraten, wird die Aktion abgeblasen. Außerdem beobachtet die Staatssicherheit jetzt jeden Schritt der Gruppe.
Am 13. Februar 1958 wird Thomas Ammer verhaftet. Von den 24 Angeklagten erhält er mit 15 Jahren Zuchthaus das höchste Strafmaß. 1964 wird Thomas Ammer von der Bundesregierung freigekauft.
Biografische Angaben zu Thomas Ammer finden sie im Personenlexikon.
Zitierempfehlung: „Thomas Ammer“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Juli 2024, www.jugendopposition.de/145500
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Eine formelle Gründung gab es nicht. Es ist einfach eine spontane Kristallisation von Jugendlichen gewesen, die über die Art und Weise, wie der Unterricht in der Schule ideologisiert war, und wie mit den Schülern umgegangen wurde, zusammengefunden hatten. Und der unmittelbare Anlass war die bereits erwähnte Kampagne gegen die Junge Gemeinde an der Oberschule in Eisenberg, wo die Schüler überfahren worden sind. Das heißt, fast alle FDJ-Mitglieder meinten, wenn die aus der FDJ herausgeschoben werden, wird ihnen schon sonst nichts passieren.
Um eine Wiederholung solcher Überrumpelungstaktiken zu vermeiden, hatten wir uns zunächst geeinigt: Wenn so etwas ansteht, dann sprechen wir uns ab, wie wir uns verhalten. Und dann haben wir unsere Leute auch in den verschiedenen Klassen bis in die FDJ-Schulgruppenleitung und sogar bis in die Kreisleitung der FDJ hineingebracht, um so etwas rechtzeitig mitzukriegen und nicht von heute auf morgen umgeworfen zu werden. Daraus ergab sich, dass man sich traf, über die politischen Vorgänge an Ort und Stelle redete, über das, was im Rundfunk zu hören war, was manchmal auch durch eingeschleuste Literatur erfahren wurde. Und da war die Erkenntnis über das Regime nicht mehr weit weg.
Thomas Ammer, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de