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Hildegart Becker

Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt ein Mädchen. Es trägt eine Strickjacke mit einem Muster und Knöpfen. Die Haare sind zu zwei langen Zöpfen geflochten, die über die Schultern nach vorne fallen. Das Mädchen sitz an einem Tisch und hat die Hände gefaltet.
Hildegart Becker als Schülerin 1960. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20432
Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt drei junge Frauen, die nebeneinander posieren. Die Frau links im Bild hat kurze Haare, das Mädchen in der Mitte hat lange, glatte Haare, und das Mädchen rechts hat längere Haare und trägt eine Brille mit dunklem Rand. Alle drei tragen dunkle Oberteile.
Hildegart Becker mit ihrer Freundin Barbara Dunemann und ihrer Schwester Gerlinde (v.l.n.r.). Das Foto entstand nach der Untersuchungshaft der drei Mädchen Ende der 1960er Jahre. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20431
Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt eine Gruppe von sieben Personen. In der Mitte sitzen zwei ältere Personen, ein Mann und eine Frau. Der Mann trägt einen dunklen Anzug mit Krawatte, die Frau daneben trägt hellere Kleidung mit einer dunklen Jacke. Um sie herum sind fünf jüngere Personen gruppiert, Kinder und Jugendliche in verschiedenen Altersgruppen. Die jüngeren Personen tragen unterschiedliche Kleidung, einige dunkle Oberteile, andere helle Hemden oder Blusen. Eine Person rechts trägt ein kariertes Kleidungsstück. Links und rechts im Bild sind Vorhänge zu sehen, und an der Wand im Hintergrund hängen einige gerahmte Bilder.
Hildegart Becker (ganz links) mit ihrer Familie im Dezember 1965. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20434
Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt vier junge Frauen, die nebeneinander im Freien stehen. Die Person ganz links trägt ein gepunktetes ärmelloses Kleid. Die zweite Person von links trägt ein gestreiftes Kleid mit kurzen Ärmeln. Die dritte Person trägt ein helles Oberteil mit einem dunklen Rock. Die Person rechts außen trägt ein gemustertes Kleid mit kurzen Ärmeln. Sie stehen auf einer Wiese, im Hintergrund sind Bäume und Büsche zu sehen.
Evangelische Rüstzeit im Sommer 1966 in Hirschluch. Ganz links die tschechische Freundin Jana, rechts daneben Hildegart Becker. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20438
Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen im Freien. Die Gruppe besteht aus etwa 25 jungen Menschen verschiedener Altersgruppen. Einige stehen im Hintergrund, während die Mehrheit auf einer Wiese sitzt oder liegt. Im Hintergrund ist ein Waldrand mit Nadelbäumen zu sehen.
Hildegart Becker (links, sitzend) und ihre Schwester Gerlinde (hintere Reihe 3. v. r.) zu Besuch bei der Evangelischen Jugend der Tschechoslowakei in Kunvald Juli 1966. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20441
Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine Gruppe junger Menschen, die auf Stühlen in einem Halbkreis im Freien sitzt. Eine Person in der Mitte lacht herzlich. Vor ihnen steht ein Tisch mit verschiedenen Gegenständen: mehrere Becher und Tassen, eine Schüssel mit Obst und ein heller Behälter. Im Hintergrund ist ein älteres Gebäude mit Steinmauern zu sehen. Es hat einen Torbogen und wird teilweise von Blättern eines Baumes im Vordergrund eingerahmt.
Dresden, im August 1969: Hildegart Becker (2. v. l.) bei der Aktion Sühnezeichen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20443
Das Bild zeigt eine Frau mittleren Alters mit kurzen braunen Haaren und einer Brille vor einem schwarzen Hintergrund. Die Frau trägt einen gemusterten dunkelgrünen Pullover und einen Schal.
Hildegart Becker 2007. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Frankfurt (Oder), Winter 1968. Das Gemeindehaus mit der Pfarrerswohnung, in dem Hildegart Becker zu Hause ist, und die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt. In der Zelle hört Hildegart Becker die Glockenschläge der Kirche. Nur deswegen weiß die 17-Jährige, wo sie ist.

Am 15. Dezember 1968 schreibt sie einen Kassiber (= geheime Botschaft eines Gefangenen) an ihre Eltern: „Jeden Abend warte ich auf das Läuten, und dann denke ich an Euch. Gestern Abend hörte ich die Orgel. Das freute mich gewaltig. Ich stand am Fenster und hörte zu [...].“ Als ihr Vater sie im Gefängnis besucht, gelingt es ihr, von den Bewachern unbemerkt den Kassiber von Ärmel zu Ärmel an ihren Vater zu übergeben.

Was reißt die Pastorentöchter Hildegart Becker und Gerlinde Becker aus Frankfurt an der Oder aus den wohl behüteten Verhältnissen heraus und bringt sie in die Knastzellen der Stasi?

Die Kirchengemeinde Frankfurt (Oder) unterhält Partnerschaftsbeziehungen zu einer Gemeinde in Mähren (ehemalige Tschechoslowakei). Dort fahren die beiden Schwestern mit einigen Freundinnen regelmäßig hin. Sie arbeiten in einer sogenannten Waldbrigade, da die Jugendarbeit der Kirche in der CSSR untersagt ist. Im Sommer 1968 spüren die Mädchen die Veränderungen im sozialistischen Nachbarland deutlich: Es herrscht ein neuer, freier Ton. Die Tschechen wollen alles besser machen als bisher. Sie streben eine menschliche Gesellschaft ohne Ausbeutung an, aber auch ohne die Unfreiheit, die bis dahin den Sozialismus bestimmt.

Als Hildegart Becker und ihre Freundinnen wieder zu Hause sind, verfolgen sie die politischen Nachrichten aufmerksam: Es wird berichtet, dass sich drohende Wolken über der Tschechoslowakei zusammenschieben. Nach einigen Tagen Ruhe vor dem Sturm fallen in der Nacht zum 21. August 1968 die Panzerdivisionen des Warschauer Paktes in der CSSR ein. Auch in Frankfurt (Oder) sieht man die sowjetischen Truppentransporte in Richtung Süden rollen. Die Mädchen fragen sich: Was soll man gegen eine so gewaltige Übermacht tun?

Hildegart Becker geht zu einer Freundin, die eine Schreibmaschine hat. In ihrer Empörung entwerfen beide ein Flugblatt und tippen mit vier oder fünf Durchschlägen kleine Zettel:

„Jeder Staat hat ein Recht darauf, seinen Weg selbst zu bestimmen. Die Besetzung der CSSR ist eine grobe Einmischung in die Innenpolitik dieses Staates. Kann man von einer Konterrevolution sprechen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung hinter Svoboda und Dubcek steht und ihrer Politik zustimmt?“

Sie stecken die Zettel in Briefumschläge und verschicken sie. Später hilft auch Hildegart Beckers große Schwester Gerlinde Becker mit. Sie besorgt eine Schreibmaschine aus dem Gemeindebüro. Die Mädchen arbeiten das Frankfurter Telefonbuch bis zum Buchstaben K ab. Dann sind die großen Ferien vorbei. Gerlinde Becker fährt zum Studium nach Greifswald. Hildegart Becker geht wieder zur Schule. Doch inzwischen ermittelt die Stasi bereits hektisch, und es dauert nicht lange, bis klar ist, wer hinter der Aktion steckt.

Am 18. September wird Gerlinde Becker aus der Vorlesung heraus zum Rektor der Universität Greifswald gerufen. Dort warten Mitarbeiter der Stasi auf sie, die sie nach Frankfurt (Oder) bringen. Sie fahren sie jedoch nicht nach Hause in die Pfarrei, sondern direkt ins Gefängnis. Die Familie ahnt von allem nichts. Am nächsten Morgen wird Hildegart Becker auf dem Schulweg von Stasi-Leuten angesprochen: „Sind Sie Fräulein B.?“ Als sie die Frage bejaht, fordern die Beamten sie auf, in einen bereitstehenden PKW zu steigen. Dann beginnen die Verhöre.

In ihrem Brief an die Eltern entschuldigt sich Hildegart Becker: „Es ist mir klar, dass wir Euch genug Scherereien, Schwierigkeiten und Sorgen machen, und ich bitte Euch damit um Verzeihung.“ Dennoch steht sie zu ihrer Haltung: „Im Umschlag von Gerlindes Bibel war mal ein Flugblatt, falls es noch da ist, könnt ihr es ansehen, aber dann gut und sicher weglegen.“

Offenbar aus Rücksicht auf die Kirche verzichtet die Staatsmacht auf einen Prozess gegen die beiden Pfarrerstöchter und deren Freundin. Sie kommen kurz vor Weihnachten 1968 aus dem Gefängnis frei.



Biografische Angaben zu Hildegard Becker finden sie im Personenlexikon.

Zitierempfehlung: „Hildegart Becker“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung November 2022, www.jugendopposition.de/145501

 


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