50.000 fordern freie Wahlen - Der 17. Juni 1953 in Bitterfeld
Die Unruhen des 17. Junis 1953 erfassen die gesamte DDR. Bitterfeld, eine alte sozialdemokratische Hochburg und Zentrum der Chemieindustrie der DDR, wird an diesem Tag zu einer der wichtigsten Städte des Volksaufstands.
Der 15-jährige Oberschüler Klaus Staeck – später ein bekannter Graphiker, linker Kritiker der politischen Entwicklung in der Bundesrepublik und ehemaliger Präsident der Akademie der Künste in Berlin – verbringt den Vormittag des 17. Juni in der Schule. Er berichtet: „Irgendjemand sagte plötzlich: `Draußen wird gestreikt.´ Da wollte natürlich keiner mehr in der Schule bleiben. Der Lehrer weigerte sich, uns rauszulassen. Wir hatten aber einen Klassenraum, der so lag, dass man problemlos aus dem Fenster steigen konnte. Einer hat schließlich das Fenster aufgemacht, und fast die ganze Klasse [...] ist auf die Straße gesprungen und sofort auf die Binnengartenwiesen geeilt. Dort war schon eine Riesenkundgebung im Gange.“ (Bildergalerie)
Im Laufe des Tages versammeln sich auf dem zentralen Platz der Jugend und den nahe gelegenen Binnengartenwiesen etwa 30.000 bis 50.000 Menschen – mehr als Bitterfeld Einwohner zählt. Viele der Demonstranten kommen aus den großen Betrieben der Umgebung, wie zum Beispiel aus dem Agfa-Filmwerk in Wolfen.
In Bitterfeld strömen die Massen zusammen
Während der Versammlung verliest der Lehrer Wilhelm Fiebelkorn ein Telegramm an die Regierung der DDR. Darin werden der Rücktritt der Regierung, freie Wahlen innerhalb der nächsten vier Monate, Aufhebung der Grenzsperren, Freilassung der politischen Gefangenen, Abschaffung der Volksarmee und die Zulassung demokratischer Parteien gefordert.
Die Menge singt mehrmals die dritte Strophe des Deutschlandlieds. Dann beginnt der Sturm auf die Zentralen der Staatsmacht: Unter anderem werden die Gebäude der Stadtverwaltung und der Volkspolizei besetzt.
Klaus Staeck berichtet: „In der Nähe unserer Wohnung befand sich die SED-Kreisleitung. Alles, was sich in dem Gebäude befand, wurde auf die Straße geworfen – ein Stalin-Kopf, diverse Möbel und ganze Aktenberge. [...] Noch eine andere, gespenstische Schilderung verbinde ich mit dem 17. Juni. Eine Erzählung ging an diesem Tag wie ein Lauffeuer durch die Stadt: Schräg gegenüber des Bahnhofs gab es ein Gebäude, von dem niemand wusste, was sich darin abspielte. Nach Auskunft von Augenzeugen wurde es gestürmt. Zum Vorschein sei ein unterirdisches Stasi-Gefängnis gekommen. Dort hätten die Gefangenen, so wurde erzählt, bis zu den Knien im Wasser stehen müssen. [...] Bei der Erstürmung des Gebäudes sei kein Gefangener mehr anzutreffen gewesen, sie waren wohl vorher abtransportiert worden. Die grausame Geschichte verbreitete jedenfalls Angst und Schrecken. Als ich selbst in das Haus gehen wollte, kam man nicht mehr rein.“
Schüler sprechen mit Sowjetsoldaten
Gegen 17 Uhr rücken sowjetische Truppen in Bitterfeld ein. Die Schüler, unter ihnen Klaus Staeck, nehmen all ihre Russischkenntnisse zusammen, um einigen Soldaten klarzumachen, dass sich das Volk erhoben hat. Doch die Russen kennen nur eine Antwort: „Faschisten!“. Ihnen ist eingebläut worden, die Faschisten steckten hinter den Unruhen und versuchten, die Macht wieder zu ergreifen. Die Soldaten sind von der Notwendigkeit überzeugt, einen faschistischen Aufstand niederschlagen zu müssen.
Für den 15-jährigen Oberschüler Klaus Staeck geht spätestens mit diesem Tag jede Illusion über die DDR verloren. Die Entscheidung für die Flucht in den Westen hat er zwar schon früher gefällt, aber der 17. Juni bekräftigt seinen Entschluss. Klaus Staeck macht noch das Abitur in Bitterfeld. Dann fährt er mit einem Zug ohne Rückfahrkarte nach West-Berlin, um dort sein Studium zu beginnen. Ein Staat, der sich nur mit blanker Gewalt gegen seine Bürger an der Macht halten kann, ist für ihn weder zu diesem Zeitpunkt noch irgendwann später eine Alternative zur demokratischen Verfassung der Bundesrepublik.
Zitierempfehlung: „50.000 fordern freie Wahlen - Der 17. Juni 1953 in Jena“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Dezember 2019, www.jugendopposition.de/145352