Katrin Hattenhauer - Arbeitskreis Gerechtigkeit 1 / 2
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Abschrift
Ich habe selbst zum Arbeitskreis Gerechtigkeit keinen Kontakt aufgenommen, weil ich gar nicht wusste, dass der existiert, sondern ich wurde von einem meiner Mitstudenten Rainer Müller, kontaktiert, der zum Arbeitskreis Gerechtigkeit gehörte oder ihn besser gesagt mitgegründet hatte und der immer unter den neuen Studenten nach Leuten Ausschau gehalten hat, die für diese Gruppe passen könnten. Ich hatte ihn schon mal im konziliaren Prozess getroffen, kennengelernt in anderen Zusammenhängen und er hat mich eigentlich schon als ich mich beworben habe, angesprochen und hat gesagt: „Wenn du dann nach Leipzig kommst, wenn das klappt, würdest du dann bei uns mitarbeiten?“ Und ich fand die Gruppe sehr, sehr interessant. Die haben also genau diese Art Gerechtigkeitsfragen gestellt, die mich interessiert haben und auch gesagt: „Wir sprechen darüber, was ist wirklich, was bedeutet eigentlich Wahrheit und was ist eine Lüge?“ Sozusagen auch all diese philosophischen Fragen: „Was passiert in diesem Land? Und wollen wir das so akzeptieren? Werden wir einfach einen Teil davon oder sind wir bereit, im Grunde dagegen was zu machen oder was öffentlich zu machen?“ Deshalb habe ich mich sehr für diese Gruppe interessiert und habe gesagt: Also klar, wenn ich dann nach Leipzig komme, dann mache ich das sehr gerne. Was ich zu dem Zeitpunkt so nicht verstanden oder gewusst habe, ist, dass das eine Gruppe war, die sehr geschlossen war. Das war auch Teil deren Prinzips. Der Arbeitskreis Gerechtigkeit war ja keine Gruppe, in der jeder mitmachen konnte – das muss man wirklich sagen – sondern es war eine konspirative Gruppe, die aus einer Handvoll oder zwei Handvoll Leuten bestand, die sich unglaublich vertraut haben, aber die auch sehr genau kontrolliert haben, wer da dazukommt. Das war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass nicht ich gewählt hatte, sondern die hatten gewählt und hatten befunden, dass sie mich aufnehmen können, dass sie mir vertrauen können. Und dazu zählt sicherlich auch das Prinzip, dass dieser Arbeitskreis nur Leute aufgenommen hat, die es sich mit dem Staat schon in gewisser Weise verdorben hatten, die also schon selbst sehr weit gegangen waren, sodass man davon ausgehen konnte, dass das keine Leute sein würden, die einen verraten würden. Aber es war nicht eine dieser öffentlichen, freien Kirchen-Mitmach-Gruppen, wo jeder kommen konnte und mitmachen konnte. Das gehört sozusagen auch zur Erfolgsgeschichte des Arbeitskreises Gerechtigkeit dazu: Zu wissen, dass er vollkommen hierarchisch war und vollkommen konspirativ und überhaupt nichts Offenes, Mitmachendes hatte, sondern die Leute organisiert waren - bis ins kleinste Detail. Das war sicherlich etwas, was ich so am Anfang nicht klar gesehen habe, denn ich kam eigentlich aus dieser offenen Kirchenarbeit, wo jeder mitmachen durfte. Dass es aber auch seine Notwendigkeit hatte, dass so eine Gruppe wie der Arbeitskreis Gerechtigkeit existierte, das war etwas, was ich erst viel später verstehen konnte. Zu erkennen, dass eine vollkommen offene Gruppe auch natürlich von der Staatssicherheit vollkommen frei unterlaufen werden kann und deshalb auch immer von der anderen Seite gewusst werden kann, was geplant ist und man nie eine Sicherheit oder ein Vertrauen in gleicher Weise aufbauen kann. Aber das waren alles Dinge, die noch nicht in meine Entscheidungen eingeflossen sind, weil ich die noch gar nicht verstanden hatte.