Katrin Hattenhauer - Studium am Theologischen Seminar in Leipzig
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Abschrift
Ich habe auch gefühlt, dass ich bei diesem Theologiestudium besonders in den ersten zwei, drei Jahren einen großen Anteil an Allgemeinbildung bekommen würde, auf den ich wirklich scharf war, wo ich gesagt habe: Das ist gut und der ist möglicherweise auch nicht gefärbt und nicht gefiltert wie beim Staat. Und ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie schwer das war, überhaupt einen dieser Plätze zu kriegen. Ich habe mich ja dann am Theologischen Seminar in Leipzig beworben und nur um eine Vorstellung zu geben, wie viele Plätze diese kleine Universität hatte. Das darf man sich nicht so vorstellen wie heute eine Riesen-Universität mit hunderten oder tausenden von Plätzen, sondern die hatten genau genommen ein Dutzend Studienplätze, jedes Jahr, also zwölf. Und auf diese Plätze haben sich mitunter 500 Leute beworben, sodass das sehr, sehr schwer war, die zu bekommen. Gleichzeitig in meinem Jahr – um mal klar zu machen, auch was das für Mann und Frau so bedeutete – ich war in diesem Jahrgang die einzige Frau, die diesen Studienplatz bekommen hat. Das heißt, für jedes Mädchen, das sich beworben hat, war es auch wirklich noch mal fünf Mal so schwer, den zu kriegen. Ich hatte also einfach sehr viel Glück. Ich habe auch den Aufnahmetest gut bestanden und dann das Studium in Leipzig begonnen. Aber für mich war klar, das war der klare Grund, nach Leipzig zu kommen und sich da zu bewerben. Also ich habe da noch nicht geplant oder gewusst oder gesagt, da arbeitet die Arbeitsgruppe Gerechtigkeit, da muss ich unbedingt hin, sondern für mich war das Theologische Seminar in Leipzig praktisch das Ziel. Ich kam ja mit sehr großen Vorstellungen dahin, mit auch einer großen Liebe zu dieser Sache und mit der großen Überzeugung. Aber ich muss sagen, es begann dann auch sehr schnell eine Zeit der Desillusionierung. Schon als ich am ersten Tag, den wir als Studiengruppe hatten, anfing sagte der Tutor: „Okay, Frau Hattenhauer, ich will Ihnen gleich reinen Wein einschenken! Sie sind eine Frau. Aus meiner Überzeugung haben Sie hier nichts zu suchen. Wenn Sie dennoch hier gut durchkommen wollen, dann sind Sie am besten immer doppelt so gut wie Ihre Kollegen. Dann fällt mir das nicht so auf.“ Und da habe ich gedacht: „Oha, das ist kein ganz guter Stand.“ Ich kannte ja, wie das ist, wenn man sich seinen Platz erkämpfen muss. Also habe ich gedacht: „Okay, ist hier auch nicht anders. Na gut, dann sei's drum.“ Aber ich war tatsächlich überzeugt, diese Ausbildung machen zu wollen. Mich hat es sehr persönlich getroffen, dass die evangelische Kirche später das bei drei ihrer Studenten hinterfragt hat, bei Jochen Läßig, bei Rainer Müller und bei mir. Da wurde tatsächlich darüber diskutiert, ob wir also exmatrikuliert werden sollen, weil wir unter dem Dach der Kirche unsere politischen Aktivitäten durchziehen, uns eigentlich für die Kirche nicht interessieren, sondern sie nur benutzen. Ich fand das einen sehr schmerzhaften Prozess, weil ich tatsächlich unter anderen Vorzeichen zur Kirche gekommen war und mit einer ehrlichen Überzeugung auch für die arbeiten wollte. Für mich war das sehr schwer, dieser Wandlungsprozess. Ich war diejenige, die gesagt hat: „Okay, wenn das so empfunden wird, dann stimme ich der Exmatrikulierung selbst zu und warte nicht, bis ich exmatrikuliert werde“, sodass ich am Theologischen Seminar ein Dreivierteljahr tatsächlich studiert habe, aber danach nur noch Gasthörer war.